Digitalisierung – Neue Wege im Gesundheitswesen

Hausarzt mit Telemedizin – eine innovative Lösung für den Praxisalltag

Foto: Das Projektkonsortium HaT – Hausarzt mit Telemedizin

 

 

Es ist eine Herausforderung nicht nur für das Osnabrücker Land: Wie lässt sich die medizinische Versorgung auf dem Land sicherstellen? Ein Baustein, den der Landkreis Osnabrück nutzt: Das Projekt „HaT – Hausarzt mit Telemedizin“. Die Digitalisierung soll künftig aber noch eine wesentlich größere Rolle im Gesundheitswesen spielen.

 

Die Entwicklung ist offensichtlich: Im Zuge des demografischen Wandels werden immer mehr Menschen von weniger Landärztinnen und Landärzten versorgt. Laut Untersuchungen wird die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen zunehmen. Dafür sprechen insbesondere zwei Gründe:

 

Landesweit nehmen die Älteren und Hochbetagten und mit ihnen der Bedarf an Gesundheitsleistungen zu. Waren es im Jahr 2014 rund 91.000 Menschen in der Altersgruppe 60 Jahre und älter im Landkreis Osnabrück, werden es 2030 bereits 124.000 Menschen sein (plus 36 Prozent). Dazu wird der medizinische Fortschritt einen weiteren Behandlungsbedarf auslösen.

 

Doch dies ist nicht die einzige signifikante Veränderung, denn zugleich wird das Leistungsangebot der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sinken. In den kommenden zehn Jahren, so lauten die Schätzungen, werden voraussichtlich mehr als 25 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte im Landkreis Osnabrück altersbedingt ausscheiden. Gleichzeitig zeigt die Beobachtung in den vergangenen Jahren, dass es in manchen Fällen keine Nachfolgelösung gibt. Bedingt durch das Image des ländlichen Raumes, veraltete Praxen, die Suche nach geregelten Arbeitszeiten und Teilzeitstellen unter jungen Mediziner*innen sowie die Scheu vor dem wirtschaftlichen Risiko einer Praxisgründung bzw. –übernahme führen zu unbesetzten Arztsitzen in ländlichen Regionen.

 

Zudem wird teilweise die hohe Hausbesuchsdichte als besonders belastend beschrieben. Besonders betroffen sind Hochbetagte auf dem Land, Menschen im Hospiz und ärztlich unterversorgte Gebiete.

 

Die warnenden Stimmen nehmen zu, die einen Ärztemangel in Deutschland vorhersagen. Insbesondere wird infrage gestellt, ob die hausärztliche Versorgung in ländlichen Regionen auf dem heutigen Niveau gehalten werden kann. So weisen die Prognosen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung darauf hin, dass es in den kommenden Jahren zu drastischen Versorgungsengpässen kommen könnte.

Wie kann eine Kommune gegensteuern? Ein Ansatzpunkt ist, den technischen Fortschritt zu nutzen, wie im Projekt „HaT“. Durch die gute Vernetzung vor Ort, das aktive Mitwirken der Kreisverwaltung mit dem Living Lab – Wohnen und Pflege sowie das Engagement der Ärzteschaft wurde das telemedizinische Modellprojekt auf den Weg gebracht. So ist es möglich, dass Ärztinnen und Ärzte weniger Hausbesuche in Eigenregie erledigen müssen, was wiederum besonders im ländlichen Raum mit langen Fahrzeiten zu einer zeitlichen Entlastung führt.

 

Allerdings: Wenn die Ärztinnen und Ärzte den Hausbesuch nicht übernehmen, müssen dies andere dafür qualifizierte Kräfte tun. Hierzu dient eine Qualifizierung für medizinische Fachangestellte. Zwei Weiterbildungen sind möglich: VERAH (steht für Versorgungsassistent*in in der Hausarztpraxis) und NäPa (Nichtärztliche/r Praxisassistent*in). Sie können Routinekontrollen auf einem hohen Qualitätsniveau übernehmen – wie etwa Blutdruck, Blutzucker, Gewicht, Sauerstoffsättigung, EKG etc. messen – und die Daten mit telemedizinischen Geräten in die Praxis übermitteln, wenn sie die Zusatzkompetenzen für die Bedienung der telemedizinischen Ausstattung erlangt haben. Das bedeutet aber nicht, dass die Ärztinnen und Ärzte in dieser Vorgehensweise keine Rolle mehr spielen. Sie können dann per Video-Übertragung in das Wohnzimmer der Patientinnen und Patienten zugeschaltet werden, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Durch die Videotelefonie können unklare Befunde sofort geklärt und unnötige Einweisungen ins Krankenhaus vermieden werden. Zudem steigert der Einsatz neuer Techniken vor allem für junge Allgemeinmediziner*innen die Attraktivität des Berufs.

 

Die Anzahl und Regelmäßigkeit von Hausbesuchen für ältere Menschen kann durch dieses Vorgehen sogar noch gesteigert bzw. verbessert werden. Für die Patientinnen und Patienten ist das eine zusätzliche Verbesserung der Versorgungsqualität. Durch die kürzeren Abstände zwischen Hausbesuchen werden Zustandsverschlechterungen früher entdeckt wodurch Krankenhausaufenthalte ggf. vermieden werden können.

 

Das wegweisende Projekt wurde vom hiesigen Living Lab - Wohnen und Pflege zusammen mit dem Gesundheitsdienst für Landkreis und Stadt Osnabrück entwickelt. Technik, Ausbildungskonzept, Datenplattform und Service liefert die Vitaphone GmbH, die spezielle Techniken zur Übertragung von Vitaldaten in die Arztpraxis entwickelt hat. Sie stellt eine Ausstattung nach dem Medizinproduktegesetz (MPG) bereit und sichert die Einhaltung der gültigen gesetzlichen Bestimmungen. Seit September 2017 beteiligen sich fünf Arztpraxen im Landkreis und der Stadt Osnabrück. Die Projektlaufzeit ist bis August 2018 angesetzt. Die Rückmeldungen aus dem Alltag zeigen, dass die Vorgehensweise von den Patientinnen und Patienten sehr gut angenommen wird und den Ärztinnen und Ärzten tatsächlich Zeit einspart.

 

Das Projekt „HaT“ ist damit ein deutlich sichtbarer Bestandteil einer zeitgemäßen medizinischen Versorgung. Doch er soll nicht der einzige bleiben. Zwei weitere Digitalisierungsprojekte an der Schnittstelle Medizin und Pflege wurden bereits angestoßen, die zusammen die Kompetenz der Region für die Etablierung von Projekten mit landesweiter Relevanz unterstreichen.

 

Zudem nehmen bereits seit dem 01. März 2015 der Landkreis und die Stadt Osnabrück an dem landesweiten Projekt „Gesundheitsregionen Niedersachsen“ teil. In diesem Rahmen werden kommunale Strukturen aufgebaut sowie innovative Versorgungsprojekte erarbeitet und in der Praxis erprobt. Besondere Anliegen der Gesundheitsregion sind die Entwicklung von neuen Formen der kommunalen medizinischen und pflegerischen Versorgung sowie Gesundheitsförderung und Prävention. Das Mitwirken der Kommunen ist ein essentieller Bestandteil der Versorgung. In verschiedenen offenen Arbeitsgruppen und Netzwerken erarbeiten Expertinnen und Experten aus der Region die zentralen Handlungsfelder.

 

(Für die BL-Besser Leben Osnabrück, Autoren: Dr. Gerhard Bojara, Nicole Pottharst und Mareike Wächter (Gesundheitsdienst für Landkreis und Stadt Osnabrück), Martin Schnellhammer (Living Lab – Wohnen und Pflege))

 

 

Fotoquelle:

Landkreis Osnabrück

 

 

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